Weiterbildungen sind was für Streber mit langweiligen Jobs und öden Leben.

Ich möchte ein interessantes Leben führen, dass mir "nebenbei" interessante Erfahrungen beschert und mich immer weiser werden lässt.

Wenn ich mich beruflich einer Aufgabe nicht gewachsen fühle, versuche ich es trotzdem und bringe es mir "on the fly" selbst bei. Wenn es dann doch eng wird, hilft mir jemand, der/die es kann. Zur Not bezahle ich die halt dann. Das ist immer noch günstiger, schneller (und vor allem spannender), als es im Vorhinein durch irgendwelche Qualifizierungen zu erlernen. Und die Relevanz ist direkt bewiesen.

"Fake it till you make it" sagt ja der Startup Spirit.

So habe ich das in meinen 20gern gesehen und vielleicht auch noch in der ersten Hälfte meiner 30ger.

Dann habe ich gemerkt, dass das vielleicht doch nicht immer so funktioniert, mit der automatisch akkumulierten Weisheit durch neue Erfahrungen.

Zumindest für mich. Mein Experimentierraum ist irgendwann begrenzt. Erratisch beruflichen Aufgaben oder Jobs zu wechseln, hält mich nur auf den Einsteigerleveln fest. Interessante Aufgaben und tiefe Kompetenz bedingen oft eine gewisse Kontinuität und die damit verbundene Routine.

Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ich brauche einen neuen Impuls.

So habe ich es einmal versucht, mit einer Weiterbildung: Steuern, Leiten und Begleiten – Gruppendynamische Kompetenz für die Arbeitswelt von morgen beim Däumling Institut. Laut Eigenbeschreibung sollte ich das hier lernen:

Ziel dieses Lehrgangs ist es, handlungsfähig bleiben zu können in Situationen, die komplex, unübersichtlich und ggf. emotional geladen sind. Persönliche Reife und Vertrauen in Gruppen können hier entwickelt werden. Kombiniert mit konzeptioneller Klarheit wird so wirkungsvolles Leiten und der Mut zum Ansprechen relevanter Themen trainiert.

Und das war aufwändig. Ich habe das ausgerechnet: Auf die eineinhalb Jahre gerechnet, kommt die Weiterbildung auf durchschnittlich einen halben Tag pro Woche.

Eineinhalb Jahre später bin ich dankbar, dass mein Alltag wieder ein bisschen weniger stressig ist. Gleichzeitig fühle ich mich beschenkt mit neuen Erfahrungen und Erkenntnissen.

Hier schreibe ich sie mal unsortiert auf:

  • Meine Wahrnehmung ist geschärft. Ich sehe mehr, wie es anderen Menschen gerade geht und nehme auch besser war, wie ich mich selbst fühle (glaube ich).
  • Deswegen beschäftigen mich Situationen und andere Menschen mehr. Das ist nicht nur angenehm, finde ich. Hier muss ich an den englischen Philosophen John Stuart Mill denken mit seinem Ausspruch "lieber ein unglücklicher Mensch als ein glückliches Schwein". Ob das wirklich immer gilt?
  • Ich merke schneller, wenn ich mit einer Situation und mir unzufrieden bin und kann darauf reagieren.
  • So ein Training hat schon einen Sinn. Handlungen sind in so einem Labor weniger risikobehaftet als in der "echten Welt" und ich kann mehr ausprobieren. Dadurch ist mein Handlungsspielraum größer in der Weiterbildung und dann auch größer in der echten Welt, weil ich es ja schon mal ausprobiert habe. Und trotzdem ist das, was im Training passiert, nicht künstlich, sondern echt.
  • Beschreibungen von Situationen entwickeln ihre eigene Bedeutung. Von der Welt da draußen kann ich ja nur einen Bruchteil wahrnehmen. Von diesem Bruchteil kann ich auch nur einen Bruchteil in Worte fassen. Von meinem Worten versteht mein Gegenüber ja auch nur einen Teil. Und dieses Bruchstück vom Bruchstück wird dann manchmal zur "Wahrheit" über die Gruppe oder über eine Situation, auf die sich alle beziehen. Schon irgendwie verrückt. Vor allem, wenn ich eine Situation anders wahrgenommen habe.
    Und gleichzeitig macht es mir deutlich: Es ist sehr wichtig, meine bruchstückhafte Wahrnehmung zu teilen, sonst hat niemand die Chance, sich darauf zu beziehen. Und sonst bleibt meine Wahrnehmung nur bei mir und kann gar nicht intersubjektive Wirklichkeit werden. Dann wäre ich allein in meiner eigenen Welt.
  • Feedback kann verwirren. Von den einen habe ich gehört, dass ich zu intensiv in der Konfrontation bin und von anderen, dass ich harmoniesüchtig bin. So widersprüchlich das ist, vielleicht stimmt sogar beides. Und ich nehme mir heraus, beides OK zu finden. Und beides ist ja eine Wahrnehmung, die auch im besten Fall nur ein Bruchstück von mir erfasst (siehe oben).
  • Menschen mögen mich und ich mag Menschen. Einmal hat mich jemand erstaunt gefragt, ob ich sogar XY mag und ich konnte voller Überzeugung sagen: "Ja klar, XY ist cool." Bei den allermeisten Menschen fällt es mir leicht, mich auf das Verbindende und Sympathische zu konzentrieren. So durchs Leben zu gehen, macht mehr Freu(n)de.

Also: Diese Weiterbildung hat es für mich auf alle Fälle gebracht. Auch wenn ich viele der Erkenntnisse auch vorher schon wusste oder mindestens ahnte, ist es jetzt ein anderes, durch Erfahrung getränktes Wissen.

Und dieses Level an Selbsterfahrung ist in der Mitte des Lebens nicht mehr so einfach anders zu bekommen. Mit 19 in einer Wellblechhütte in Nicaragua zu leben ist müheloser als mit fast 40 und Kindern.

Für mich gilt jetzt aber auch: Erstmal wieder weiter einen interessierten Alltag führen, "nebenbei" interessante Erfahrungen sammeln und immer weiser werden.

Bringen es Weiterbildungen? Eine Reflektion nach eineinhalb Jahre Leiten und Beraten